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Hintergrund

Ein Blick in das Portfolio meiner aktuellen Projekte und die bisherigen Publikationen macht deutlich, dass das Themenspektrum meiner Arbeit breit angelegt ist – von der Philosophie bis zur Landwirtschaft. Hierin spiegelt sich mein beruflicher Werdegang: Nach Studium und Promotion in Philosophie und einem journalistischen Intermezzo bei der Wochenzeitung DIE ZEIT haben mich seit Anfang der 90er Jahre zunehmend Fragen der ökologischen Ethik und der Tierschutzethik beschäftigt. Dies nicht nur in philosophisch-theoretischer, sondern auch in praktischer Absicht: Wie könnte unter heutigen gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen ein ethisch verantwortbarer Umgang mit den Ressourcen und Eigenwerten der Natur und insbesondere mit dem Leben und den Lebewesen in der Natur konkret aussehen?

 

Wer sich dieser ethischen Leitfrage stellt und nach Antworten in der Lebenspraxis sucht stößt über kurz oder lang auf die Landwirtschaft. Denn die Landwirtschaft ist der Bereich unserer Wirtschaft, in dem wir noch unmittelbar mit der Natur und ihren vielfältigen Lebensformen gestaltend umgehen. Insbesondere die ökologische Landwirtschaft und ihre Bemühungen um einen artgerechte Tierhaltung sind praktische Antworten auf die Frage nach einem ethisch vertretbaren Umgang mit Leben.

 

 

Nachhaltige Entwicklung & Ökologischer Landbau

 

Der ökologische Landbau gewinnt abgesehen von umwelt- und tierethischen Aspekten auch in jenem Such- und Diskussions-
prozess über Nachhaltigkeit („sustainability“) an Bedeutung, der seit der UN-Konferenz über Umwelt & Entwicklung in Rio 1992 an Dynamik und politischer Verbindlichkeit gewonnen hat. Gemeint ist etwas ebenso Notwendiges wie Schwieriges: die Herausforderung, unsere Wirtschafts- und Lebensweise so umzugestalten, dass sie langfristig tragfähig ist und nicht – wie bisher – auf Kosten der Umwelt oder nachfolgender Generationen oder der Menschen in den armen Ländern des Südens geht. Kaum einer, der politisch und sozial denkt, kann sich dieser Aufgabe verschließen, entsprechend viele reden von „Nachhaltigkeit“. Aber kaum einer weiß so recht, was Nachhaltigkeit konkret bedeutet und wie man dieser Forderung unter heutigen Bedingungen gerecht werden kann.

 

Diese Wissenslücke kann der ökologische Landbau füllen. Es ist einer der wenigen Bereiche unserer Gesellschaft, in dem bereits seit Jahrzehnten mit Erfolg nachhaltig gewirtschaftet wird. Nachhaltigkeit – eine Forderung, die unsere Konsumgesellschaft erst mühsam zu buchstabieren lernt – gehört von jeher zum Kern einer ökologischen Agrar-Kultur. Sie ist ihr nicht wesensfremd, sondern geradezu die Grundlage ihrer Produktivität: Der ökologische Landbau bietet den in der Landwirtschaft tätigen Menschen eine sinnvolle Arbeit sowie eine dauerhafte, weil naturverträgliche wirtschaftliche Grundlage und produziert für die Gesellschaft gesunde Lebensmittel von hoher ökologischer und ethischer Qualität. Er arbeitet mit der Natur, nicht gegen die Natur und hilft so, die Grundlagen für das Leben auf der Erde nachhaltig zu sichern. Der ökologische Landbau ist so betrachtet keine Nische der Seligen, sondern eher eine gesellschaftliche Avantgardebewegung, die eine Richtung vorgibt, in die sich die gesamte Gesellschaft noch zu entwickeln hat.

 

 

Zeit & Zeitökologie

 

Nachhaltige Entwicklung, ökologischer Landbau sowie ethische un dpraktische Fragen der Mensch-Tier-Beziehung bilden seit mehreren Jahren Schwerpunkte meiner Arbeit. Ein weiterer Arbeitsfokus liegt auf dem Thema „Zeit“. Seit 1994 arbeite ich zusammen mit vier Kollegen im Tutzinger Projekt „Ökologie der Zeit“.Das Projekt ist an der Evangelischen Akademie Tutzing angesiedelt. Mit jährlichen Tagungen (sog. „Zeitakademien“), Workshops und in zahlreichen Publikationen gehen wir der Frage nach, welche individuellen, gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen unsere derzeitige Form der „Bewirtschaftung“ von Zeit mit sich bringt. Ein Umgang mit Zeit, der durch Schlagworte wie Beschleunigung, Pausenlosigkeit und Zeiteffizienz gekennzeichnet ist.

 

Auch hier sind die Bezüge zur Landwirtschaft nahe liegend und wurden von uns im Rahmen des Tutzinger Projekts „Ökologie der Zeit“ auch intensiv untersucht: Das Leben und Wirtschaften auf dem Land ist einer der wenigen Bereiche innerhalb unserer Gesellschaft, in dem das Eingebundensein des Menschen in die Zeiten und Rhythmen der Natur (noch) offenkundig ist. Man denke nur an das Wachstum und die Reifungsprozesse der Pflanzen und Tiere, den Wechsel der Jahreszeiten und die notwendige Orientierung vieler landwirtschaftlicher Arbeiten am Jahreslauf; an den fruchtbaren Kreislauf des Werdens und Vergehens, von Aussaat und Ernte auf dem Feld, von Geburt und Tod im Stall. Das Leben in der Natur erscheint uns wie eine „Symphonie von Rhythmen“ (Barbara Adam). Eine Symphonie, deren Partitur diejenigen, die auf dem Land arbeiten, vielleicht noch eher verstehen als die meisten der naturfernen und naturtauben Städter.

 

Verglichen mit der Arbeit in den Fabrikhallen und Bürogebäuden der Städte durchdringen sich gerade in der Landwirtschaft die Zeiten der Natur mit den Zeiten der Menschen und ihrer Kultur. Dies liegt gleichsam in der Natur der Sache: Die Landwirtschaft muss beim Umgang mit dem Boden, den Pflanzen und den Tieren die vielfältigen Zeitansprüche der Menschen mit den nicht minder vielfältigen Ansprüchen der Natur in einen möglichst fruchtbaren Zusammenhang bringen. Landwirtschaftliche Produkte sind wie kaum eine andere Produktgruppe in unserer Wirtschaft „Früchte der Zeit“.

 

Trotz dieser Einbindung in die vielfältigen Zeiten und Rhythmen der Natur konnte sich die Landwirtschaft dem allgemeinen Beschleunigungssog der modernen Gesellschaft nicht entziehen. Die allumfassende Ökonomisierung von Zeit – bekannt unter dem Motto: „Zeit ist Geld“ – macht auch vor der Landwirtschaft nicht halt. Der viel beschriebene Strukturwandel auf dem Land, das „Wachsen oder Weichen“, ist nicht nur eine Funktion der Größe der Betriebe, sondern zunehmend eine Funktion der Geschwindigkeit und Zeiteffizienz der Betriebsabläufe. Wie auch sonst in der Wirtschaft, gilt in der Landwirtschaft verstärkt der turbo-kapitalistische Grundsatz: „Nicht die Großen werden die Kleinen fressen, sondern die Schnellen die Langsamen“. Welche Folgen hat dies für die Menschen auf den Betrieben, für die Tiere in den Ställen, für die Qualität der Produkte? Diesen Fragen gehe ich zur Zeit weniger in Projekten, vielmehr in Vorträgen, Seminaren und Publikationen nach.

 

Innerhalb des Tutzinger Projektes „Ökologie der Zeit“ haben wir nach einer mehrjährigen Beschäftigung mit zeitökologischen Fragen der Landwirtschaft und Ernährung sowie der weltweiten Nutzung und Degradation von Böden das Themenspektrum deutlich verbreitet: von Medien- und Filmzeiten bis hin zu Methoden des modernen Zeitmanagements. Im kommenden Jahr (2004) arbeiten wir in Tutzing gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik an der Frage, wie das Thema Zeit stärker als bisher zum Thema der Politik werden kann.

 

Manuel Schneider, im März 2003

 




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